Bon Ivers logische Entwicklung
Die Nachricht kam überraschend: Bon Iver geht 2016 mit einem neuen Album an den Start. »22, A Million« heißt Longplayer Nummer drei. Fünf Jahre sind seit ihrer letzten Platte vergangen – fünf Jahre, in denen Mastermind Justin Vernon aber alles andere als untätig war.
Stattdessen veröffentlichte der Songwriter, Sänger und Multiinstrumentalist neue Alben mit seinen Bands Volcano Choir und Shouting Matches und war als Gast bei Kanye West und James Blake zu hören.
Jetzt präsentiert er endlich wieder zehn Bon-Iver-Originale, die jedoch seine jüngste musikalische Vergangenheit nicht unbeachtet lassen.
Mit »22 (OVER S∞∞N)« und »10 d E A T h b R E a s T« gab es bereits zwei Kostproben von »22, A Million«. Und die machen deutlich, dass Vernon mit dem neuen Album wieder einmal neue musikalische Wege geht, wenn er auch eher an den elektronischen Sound von »Bon Iver« (2011) statt an die weitestgehend akustisch gehaltene Folkplatte »For Emma, Forever Ago« (2008) anknüpft.
Premiere feierte das Album bereits beim Eaux Claires Music Festival in Wisconsin, das Justin Vernon selbst zusammen mit dem The-National-Gitarristen Aaron Dessner ins Leben gerufen hat.
Ob die ungewöhnliche Tracklist von »22, A Million« Kunst ist oder ein versteckter Geheimcode kann bislang nur vermutet werden.
Eine Entwicklung, die mit Blick auf die Vergangenheit zu erwarten war: Justin Vernon aka Bon Iver zeigt sich mit seinem neuen Album »22, A Million« experimentierfreudiger denn je. Sein unglaubliches Talent gibt ihm dabei recht.
Ein sensibler Folkstar lädt seine federleichten Songs mit mächtigen, disruptiven Bässen, Elektrobrummen und Stimmverzerrer auf. Justin Vernon aka Bon Iver vermählt Elektropop und zeitgenössischen R&B mit klassischem Songwriting. Wie sich James ÂBlake vom minimalelektronischen Post-Dubstep-Dancefloor zum Singersongwritertum bewegt hat, so bewegt sich Vernon aus dieser Richtung in die andere. Am Ende stehen aufwühlend wehmütig wummernde Tracks neben einer Restmenge an fluffig-folkigen. Gemeinsam haben sie Vernons Talent für eleganten Kitsch. Ein ebenso spektakuläres wie spekulatives Album. Bester Song: "10 Deathbreast"
(www.rollingstone.de, 31.12.2016)